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Arbeitsbedingte Erreichbarkeit

Ein überschätztes Phänomen?

Arbeitsbedingte Erreichbarkeit Ein überschätztes Phänomen?
Foto: NicoElNino/fotolia.com

In der arbeitsfreien Zeit beruflich erreichbar zu sein stellt eine bedeutsame Belastung dar, wenn sie nicht klar geregelt und eingeschränkt ist. Der Anteil derer, die das betrifft, ist aber nicht so groß, wie manche Beiträge vermuten lassen. Eine differenzierte Betrachtung ist daher wünschenswert.


Von Dr. Marlen Cosmar, Prof. Dr. Dirk Windemuth, Prof. Dr. Frauke Jahn


Erreichbarkeit für berufliche Fragen in der Freizeit ist nicht erst seit der Entwicklung von Smartphones und Laptops relevant. Natürlich wurden auch früher Beschäftigte in ihrer Freizeit kontaktiert, wenn es unbedingt nötig war. Dann wurde ein Reiter ausgeschickt oder ein Telegramm in den Urlaub nachgesandt. Zweifellos ist es durch die modernen Kommunikationsmöglichkeiten aber leichter geworden, Beschäftigte oder auch Dienstleister zu kontaktieren. Durch den intensiven Wettbewerb und die damit verbundene Beschleunigung fast aller Arbeitsprozesse kommt es außerdem dazu, dass Fragen und Probleme möglichst immer schneller gelöst werden sollen. Häufig kann es dann – so scheint es – auch nicht bis zum nächsten Tag warten. 


Die Frage, welche Auswirkungen das auf die Sicherheit und die Gesundheit von Berufstätigen hat, ist somit hochrelevant. Gerade mit Blick auf mögliche negative Folgen und notwendige betriebliche Gegenmaßnahmen ist es aber wichtig, genau zu definieren, was unter Erreichbarkeit zu verstehen ist und wen es im Detail betrifft.


Der iga.Report 23 / 2 enthält die folgende Definition. Demnach ist ständige Erreichbarkeit „die unregulierte Verfügbarkeit der Beschäftigten für berufliche Belange außerhalb der regulären Arbeitszeit. Dies kann vor oder nach der Arbeit, am Wochenende, im Urlaub, an Feiertagen oder bei Krankheit sein, ohne dass dafür eine vertragliche oder tarifliche Regelung besteht. Dabei können die Betroffenen durch Vorgesetzte, Kolleginnen bzw. Kollegen oder Kundinnen bzw. Kunden mittels Telefon, E-Mail, SMS, Instant-Messenger-Nachrichten etc. kontaktiert werden. In der Regel besteht aber keine klare Vorgabe hinsichtlich der Reaktionszeit auf einen Ruf.“


Da in der Realität natürlich praktisch niemand wirklich „ständig“ erreichbar sein kann, wird inzwischen häufig auch der Begriff der arbeitsbedingten erweiterten Erreichbarkeit genutzt, der hinsichtlich der Definition im Wesentlichen aber deckungsgleich ist.


Gefühlt sind fast alle betroffen

Arbeitsbedingte erweiterte Erreichbarkeit war in den vergangenen Jahren ein häufiges Thema in der medialen Berichterstattung. Mitunter wirkt es, als könne sich dem praktisch kaum noch jemand entziehen. Die Beiträge sind dabei teilweise dramatisch formuliert. So titelt die Zeit 2016 zum Beispiel „Vom Job abschalten ist kaum mehr möglich“ oder die Welt 2014 „Arbeitsschutz: Die ständige Erreichbarkeit macht krank“.


Verschiedene Studien zum Anteil berufstätiger Menschen, die für Arbeitsbelange erreichbar sind, bestätigen, dass Erreichbarkeit viele, aber bei Weitem nicht alle Berufstätigen betrifft. Eine Studie von TNS Infratest Politikforschung aus dem Jahr 2015 zeigte beispielsweise, dass 58 Prozent der Befragten für den Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin in der Freizeit erreichbar sind. Studien, die fragten, wie hoch der Anteil Berufstätiger ist, die wirklich ständig oder eben berufsbedingt erweitert erreichbar sind, kamen zu geringeren Zahlen. Der iga.Report 23 / 2 aus dem Jahre 2016 beziffert diesen Anteil mit 21 Prozent. Vor dem Hintergrund der intensiven Berichterstattung zum Thema hat das Institut für Arbeit und Gesundheit der DGUV (IAG) eine Studie beauftragt, in der ermittelt werden sollte, ob diese Berichterstattung zu einer Überschätzung der Relevanz des Themas führt. Grundlage für die Annahme ist der sogenannte Verfügbarkeitsfehler beziehungsweise die Verfügbarkeitsheuristiken. [1] [2]


Verfügbarkeitsfehler entstehen, weil Menschen die Bedeutung von Ereignissen überschätzen, wenn sie sich besonders gut daran erinnern können. Mediale Berichterstattung beeinflusst diese Erinnerungsfähigkeit sehr stark, weil sie darauf ausgerichtet ist, zu beeindrucken und zu fesseln. Das Paradebeispiel dafür sind Flugzeugabstürze, die deutlich unwahrscheinlicher sind als Autounfälle, in den Medien aber deutlich überrepräsentiert sind, da sie, wenn sie sich ereignen, natürlich mit immensem menschlichen Leid und materiellen Schaden verbunden sind.


Nur leicht überschätzt

Die Studie des IAG mit 1.002 Teilnehmenden, die repräsentativ für alle deutschen Beschäftigten ausgewählt wurden, zeigt, dass der Anteil ständig erreichbarer Beschäftigter im Mittel auf 45 Prozent geschätzt wird. Die Schätzungen unterscheiden sich kaum im Vergleich von Berufstätigen mit und ohne Projektarbeit oder mit und ohne Kundenkontakt. Auch im Vergleich der Berufstätigen aus verschiedenen Branchen gibt es kaum Unterschiede (siehe Abbildung 1). Im Vergleich mit den Ergebnissen des iga.Reports (21 Prozent tatsächlich ständig erreichbar) fällt der Unterschied zwischen vermuteter und tatsächlicher Relevanz recht deutlich aus. In der vorliegenden Studie des IAG

gaben 29 Prozent an, immer oder zumindest fast immer für den Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin erreichbar zu ein. Weitere 21 Prozent sind zumindest häufig erreichbar. Der Unterschied zur geschätzten Bedeutsamkeit ist hier also geringer. Nimmt man beide Gruppen zusammen, müsste man die Schätzung sogar als sehr adäquat beschreiben. Insofern lassen sich also leichte Effekte in Richtung eines Verfügbarkeitsfehlers belegen. Insgesamt liegt aber keine sehr starke Überschätzung vor. 


Die Studie des IAG zeigt weiterhin, dass die Art der Mediennutzung für die geschätzte Relevanz von ständiger Erreichbarkeit keine Rolle spielt. Es ist also nicht erheblich, ob Informationen eher aus Tages- oder Boulevardzeitungen und ihren Internetentsprechungen oder beispielsweise aus sozialen Medien bezogen werden.


Warum sind Berufstätige ständig erreichbar?

In der Studie des IAG wurde auch gefragt, welche Gründe es für die eigene Erreichbarkeit gibt und welche Gründe insgesamt als bedeutsam bewertet werden. Dabei wurden fünf verschiedene Gründe vorgegeben (siehe Abbildung 2).

Es zeigt sich, dass der wichtigste Grund für die eigene Erreichbarkeit eine zu hohe Arbeitsintensität ist. Das bedeutet, Teile der Arbeit können in der regulären Arbeitszeit nicht erledigt werden. Das betrifft vor allem Personen in Führungspositionen und mit Projektarbeit.


Dieser Grund wird auch als häufigster Grund für ständige Erreichbarkeit generell vermutet. Der zweitwichtigste vermutete Grund ist: Die Beschäftigten können einfach nicht Nein sagen und müssen deshalb Aufgaben in die Freizeit mitnehmen. Diese Aussage liegt bei der Begründung der eigenen Erreichbarkeit an dritter Stelle. Dort wird die Erwartung von Vorgesetzten, Kolleginnen, Kollegen oder Kundinnen und Kunden als wichtiger betrachtet. Die Befragten sind also offenbar eher geneigt, bei anderen Gründe in der Selbstorganisation zu vermuten, als bei sich selbst (siehe Abbildung 2).


Fazit

Die Studie zeigt, dass das Thema nur leicht in seiner Bedeutung überschätzt wird und insgesamt nahezu die Hälfte aller Beschäftigten zumindest häufig betrifft. Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen: 


1. In der medialen Darstellung sollte noch stärker darauf geachtet werden, arbeitsbedingte erweiterte Erreichbarkeit als Thema differenziert darzustellen, ohne übermäßig zu dramatisieren. Es sollte vorsichtig mit Formulierungen wie „Abschalten kaum noch möglich“ oder „große Teile“ umgegangen werden, da diese suggerieren, dass eine Mehrheit der Beschäftigten betroffen ist.


2. Präventionsansätze sollten konsequent weiterverfolgt werden. Hier ist vor allem auch die Unternehmenskultur ein wichtiger Ansatzpunkt. Wenn es selbstverständlich ist, Beschäftigte in ihrer Freizeit nicht zu kontaktieren oder  Arbeit mit nach Hause zu nehmen, ist es für die Beschäftigten leichter, in der Freizeit tatsächlich „Nein“ zu sagen. Dafür bedarf es klarer Ansagen im Unternehmen und einer Vorbildwirkung durch Leitung und Führungskräfte. Mehr Informationen zur Berücksichtigung von Sicherheit und Gesundheit in der Unternehmenskultur findet man bei der aktuellen Kampagne der Unfallversicherungsträger und der DGUV kommmitmensch (www. kommmitmensch.de). Eine gute Arbeitsgestaltung und Personalauswahl sind ebenfalls wichtige Aspekte, denn wenn Arbeit und Absprachen gut in der regulären Zeit erledigt werden können, ist ständige Erreichbarkeit weitestgehend unnötig.


Literatur

Hassler, M.; Rau, R.; Hupfeld, J. & Paridon, H. (2016): iga.Report 23 Auswirkungen von ständiger Erreichbarkeit und Präventionsmöglichkeiten. Teil 2: Wissenschaftliche Untersuchung zu potenziellen Folgen für Erholung und Gesundheit und Gestaltungsvorschläge für einen guten Umgang mit ständiger Erreichbarkeit im Unternehmen. Dresden: iga 


Kahneman, D. (2011): Schnelles Denken, langsames Denken, Siedler TNS Infratest Politikforschung (2015): Umfrage „Stress und Arbeitsbelastung in Deutschland“. ver.di. Zugriff am 19.02.2016 unter: www.verdi.de / suche/?ZentralSearchPortlet.global_search_input=tns+politik forschung§ion_search_submit=


Tversky, A. & Kahneman, D.: Judgment under uncertainty:Heuristics and biases. In: Science. 185, 1974, S. 1124–1131

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