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Prävention und Arbeiten 4.0

Noch nicht überall angekommen

Autofahren 4.0
Foto: Coloures-Pic/fotolia.de

Der Begriff Industrie 4.0 ist allgegenwärtig und auch allumfassend. Denn betroffen von der digitalen Transformation ist nicht nur die Industrie, sondern die gesamte Arbeitswelt mit allen Betrieben – auch kleinen und mittleren – in allen Branchen. Doch was genau ist 4.0? Geht es dabei um Roboter, 3D-Drucker, mobiles Arbeiten oder selbstfahrende Fahrzeuge? Zur Charakterisierung werden in der Literatur drei Buchstaben verwendet: CPS. Bei den sogenannten Cyber-physischen Systemen handelt es sich um Maschinen, Gebäude, Fahrzeuge aber auch Personen und Prozesse, die über Sensoren und Verwaltungsprogramme Daten produzieren, die ins Internet gesendet werden. Dadurch entsteht ein komplexes Datengeflecht (Big Data). Intelligente Softwaresysteme nutzen diese Daten, um daraus Anwendungen zu erzeugen, wie die Steuerung von Maschinen und Fahrzeugen, Organisationsprozesse im Betrieb oder Persönlichkeitsprofile. Diese Steuerungssoftware ist außerordentlich intelligent, denn sie kann autonom handeln, steuern und lernen. CPS verbinden also reale Arbeitsmittel, Menschen, Prozesse und Umgebungen mit der virtuellen Welt. 


Was ist heute schon alles 4.0?


Noch sind solche 4.0-Prozesse in den wenigsten Unternehmen gelebte Realität. Und auch eine 100-prozentige Realisierung im kompletten Arbeitsprozess gibt es noch nicht. Aber fast alle Betriebe stecken bereits mittendrin in der Entwicklung. Angefangen bei der täglichen beruflichen und privaten Nutzung von Smartphones, die heute weit mehr als nur mobile Telefone sind. Es sind Datenspeicher, die permanent Daten produzieren. Auch Fahrzeuge sind umfassend mit Sensoren ausgerüstet und informieren über alle denkbaren Zustände des Fahrzeugs: Kilometerleistung, Fahrmodus, Häufigkeit der Fahrerwechsel, Navigations-Ziele oder den Standortverlauf. Im Gesundheitsbereich sind es vor allem Fitnessarmbänder aber auch Smartwatches, die Informationen zu Bewegungsprofil und Vitalfunk-tionen speichern und wiedergeben.


Das Verbundprojekt „Prävention 4.0“


Um die 4.0-Prozesse im Sinne der Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit nachhaltig zu entwickeln, sind die Arbeitsprozesse vorausschauend und vorsorgend zu gestalten. Diese sogenannte betriebliche Prävention wird in der digitalen Transformation immer wichtiger. Nur durch die Einbindung aller Beschäftigten und einer aktivierenden Unternehmenskultur können diese Entwicklungen gemeistert werden. Hier setzt das Verbundprojekt „Prävention 4.0“ an, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird. Ziel ist es, die Handlungsfelder der CPS in der Arbeitswelt – Führung und Kultur, Organisation, Sicherheit und Gesundheit – zu definieren und zu analysieren sowie wesentliche Handlungsmöglichkeiten einer präventiven Arbeitsgestaltung mit Hilfe eines Handlungsleitfadens zugänglich zu machen.  


Die Bedeutung von 4.0 in der betrieblichen Praxis


Um einen ersten Eindruck zu bekommen, welchen Stellenwert das Thema 4.0 in der betrieblichen Praxis einnimmt, wurde im Herbst 2016 eine nicht-repräsentative Online-Befragung durchgeführt. Für eine möglichst große Bandbreite an Ausrichtungen und Hintergründen der Betriebsberatung, wurden Mitglieder des VDSI – Verband für Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz bei der Arbeit, sowie Be-ratende der Handwerkskammern und Fachverbände des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG), der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) und des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa) zur Teilnahme an der Befragung aufgerufen. Bei den insgesamt 845 Teilnehmenden wurde zwischen internen und externen Beratungspersonen unterschieden. Zu den internen Beratungspersonen zählen ausschließlich befragte Mitglieder des VDSI, die zum Beispiel als Fachkraft für Arbeitssicherheit in einem Unternehmen angestellt sind. Externe Beratungspersonen sind überbetrieblich tätig und Beauftragte von Verbänden, Genossenschaften und Institutionen, sowie VDSI-Mitglieder. Dabei sind intern beratende Personen hauptsächlich in den größten Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beschäftigt (63,67 Prozent). Extern beratende Personen sind erwartungsgemäß eher in kleineren Unternehmen vertreten, deren Mitarbeiterzahl 99 Beschäftigte nicht übersteigt (77,68 Prozent). 


Um die Bedeutung des Themas Industrie 4.0 bei den Befragten zu erfassen, wurden diese um ihre Selbsteinschätzung zur Wichtigkeit („Wie groß ist die Bedeutung des Themas 4.0“) gebeten. Im Ergebnis ist festzustellen, dass die Bedeutung des Themas 4.0 nach Einschätzung der Befragten in den Betrieben aktuell noch vergleichsweise gering ist. In Unternehmen, die von internen Beratern betreut werden, ist die Relevanz in nur 34,3 Prozent der Fälle sehr groß oder groß. Externe Berater bewerten den Stellenwert bei ihren Kunden lediglich zu 18,2 Prozent  als sehr groß oder groß. Die Einschätzung der Bedeutung in fünf Jahren fällt wesentlich höher aus. So gehen 60,6 Prozent  in der externen und 69,3 Prozent der internen Beratung davon aus, dass die Relevanz von 4.0 in den betreuten Unternehmen sehr groß oder groß sein wird. Grundsätzlich wird die Bedeutung  in großen Unternehmen eher höher eingeschätzt als in kleinen und mittleren Betrieben (KMU).


Vermutlich aufgrund der momentan noch eher geringen Bedeutung von 4.0 geben lediglich 19,2 Prozent der Befragten an, schon heute zu Arbeit 4.0 beratend tätig zu sein. Allerdings wollen 53,9 Prozent zukünftig in der Lage sein, zu diesem Thema beraten zu können. Hierfür wünschen sie sich ausreichend Informationsquellen (75,1 Prozent). Diese werden insbesondere in Form von Informationsmaterialien (84,1 Prozent), Checklisten und Praxishilfen (82,4 Prozent), Best Practice (79,7 Prozent) und Weiterbildungen und Seminaren (79,5 Prozent) gesehen.


Veränderte Gefährdungen


Bei der Frage nach der Einschätzung der Veränderung von Gefährdungen und Belastungen durch Arbeit 4.0 geben 71,3 Prozent der Befragten an, dass Arbeit 4.0 neue Gefährdungen und Belastungen mit sich bringt. Hierzu zählen insbesondere psychische Belastungen und kognitive Anforderungen. Physische Belastungen werden den Befragten zufolge eher abnehmen. 79,4 Prozent  gehen davon aus, dass die neuen Gefährdungen und Belastungen neue oder andere Maßnahmen in der Prävention erfordern. 53,0 Prozent  geben jedoch auch an, dass Arbeit 4.0 neue Potentiale und Ressourcen zur Förderung der Leistungsfähigkeit ermöglichen wird.


Dass die digitale Transformation nicht nur Vorteile mit sich bringt, wurde auch durch die Literaturanalyse sowie in Expertengesprächen und Zukunftsworkshops deutlich. Folgende veränderte Gefährdungen wurden ermittelt:


• Neue Arbeitsmittel (Datenbrillen, smart devices) verursachen neue Gefährdungen und Belastungen. Geeignete Maßnahmen müssen im Betrieb berücksichtigt werden, was wiederum  entsprechende wissenschaftliche Erkenntnisse voraussetzt.


• Eine technische Assistenz kann das Risikobewusstsein von Beschäftigten verringern und zu zusätzlichen Gefährdungen führen. Das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Technik nimmt weiter zu.


• Maschinen können nur auf bekannte Risiken programmiert werden. Es müssen etwaige neue Vorkommnisse ermittelt werden. Hier hilft wiederum die Möglichkeit, Szenarien in der virtuellen Welt darzustellen.


• Maschinen und Anlagen laufen autonom. Inwieweit die beschäftigte Person  im Notfall die Möglichkeit hat, ins Geschehen einzugreifen muss definiert werden.


• Die Beschäftigten überwachen und beobachten autonome Prozesse. Große Mengen an Informationen und widersprüchliche Daten können zu einer Reizüberflutung führen.


• Dequalifikation beziehungsweise der Verlust oder die Entwertung beruflicher Fähigkeiten und Fertigkeiten von Beschäftigten drohen, wenn CPS-Systeme Vorgaben machen, die die Beschäftigten nicht hinterfragen müssen. 

Gleichzeitig müssen die Beschäftigten Störungen beseitigen, deren Ursache sie nicht mehr überblicken können.


Durch eine höhere Komplexität der Prozesse wird es aufwendiger, nachträglich Korrekturen vorzunehmen. Die sorgfältige Planung auch im Bereich Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit wird in Zukunft einen noch höheren Stellenwert einnehmen. Gefährdungen sind dann zu beurteilen, bevor Arbeitsplätze in Betrieb genommen werden. Die Gefährdungsbeurteilung ist das geeignete Instrument, um die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten zu erhaltenund zu fördern. Sie muss vorausschauend und flexibel sein und die Gesamtprozesse berücksichtigen.


Ausblick


Die Arbeitswelt 4.0 bietet durchaus Möglichkeiten, die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit durch neue technische Möglichkeiten zu verbessern. Assistenzsysteme und intelligente Persönliche Schutzausrüstungen erhöhen die Sicherheit. 


Sie unterstützen beispielsweise die Beschäftigten beispielsweise physisch (Exoskelette), geben kognitive Hilfe (Assistenz durch Hinweise) oder bewahren über Sensoren vor Unfällen (intelligente Persönliche Schutzausrüstung). Im Rahmen des Projekts Prävention 4.0 werden in einem nächsten Schritt verschiedene neue Techniken, veränderte Organisationen und die Arbeitsgestaltung in der Arbeitswelt 4.0 hinsichtlich veränderter Gefährdungen und Möglichkeiten aufgearbeitet. 


Die Informationen sollen Empfehlungen geben, worauf beim  Einsatz bestimmter Techniken zu achten ist und welche Maßnahmen bei der Umsetzung bestimmter Organisationen sinnvoll sind. 

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