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Qualität von Arbeitsschutzunterweisungen

Wirksam, einfach, effizient


Foto: Wolfgang Bellwinkel/DGUV
Arbeitsschutzunterweisungen sind in Deutschland ein bewährtes Instrument der betrieblichen Prävention. Die Rahmenbedingungen, wie Unterweisungen durchzuführen sind, sind gesetzlich festgelegt. Die inhaltlich-methodische Ausgestaltung liegt jedoch gänzlich in der Erfahrung und den Kompetenzen der betrieblichen Akteure. Wie kann also die Wirksamkeit von Arbeitsschutzunterweisungen gesichert werden? Diese Frage beantwortet ein aktuell erschienener Report des Instituts für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG). 


Unterweisungen als Instrument der Prävention


Deutschland verfügt über ein bewährtes System zur betrieblichen Prävention, so dass die Zahl von Arbeitsunfällen und berufsbedingen Erkrankungen fast kontinuierlich sinkt. Dieser Erfolg ist das Ergebnis einer Summe von Maßnahmen für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit, zu denen betriebliche Unterweisungen von Beschäftigten zählen.

Ausgehend unter anderem von der gesetzlich vorgeschriebenen Gefährdungsbeurteilung klären Unterweisungen Beschäftigte über allgemeine und tätigkeitsbezogene Gefahren, Gefährdungen sowie entsprechende Verhaltensweisen zur Prävention von Arbeitsunfällen und berufsbedingten Erkrankungen auf. Die Wirksamkeitskontrolle aller Maßnahmen, auch die der Unterweisung, ist ebenfalls gesetzlich verankert (§ 3 Abs. 1 ArbSchG).


Potenzial zielführender Arbeitsschutzunterweisung


Wird die Arbeitsschutzunterweisung als kurze arbeitsplatzbezogene Trainingsmaßnahme verstanden, beinhaltet diese gegenüber anderen Trainingsmaßnahmen ein großes Potenzial um wirksam zu werden:

 - Die zu unterweisenden Inhalte sind arbeitsplatzspezifisch und direkt mit der  Arbeitstätigkeit verbunden.

 - Idealerweise speisen sich die Inhalte aus der Gefährdungsbeurteilung und  befördern die Arbeitsschutzziele der Organisation.

 - Die Unterweisenden berücksichtigen die Fähigkeiten, das Verhalten und  die Einstellungen der Beschäftigten.

 - Führungs- oder Fachkräfte aus dem eigenen Hause übernehmen die Rolle  der Unterweisenden und gestalten die Bedingungen vor, während und nach  der Unterweisung.

 - Die Unterweisenden können als Repräsentanten der Organisation deren  Wahrnehmung beeinflussen.


Wirksamkeit sicherstellen


Da der Qualitätsanspruch an Arbeitsschutzunterweisungen nicht klar definiert ist, liegt es am Betrieb selbst, wie hoch oder niedrig die Messlatte hängt[1]. Ein Fallstrick ist unter anderem die Qualifikation der betrieblich Vorgesetzten. Um als Trainer oder Trainerin in Sachen Arbeitsschutz zu agieren, braucht es neben den fachlichen auch methodische und soziale Kompetenzen die durchaus nicht zwangsläufig bei allen Unterweisenden im notwendigen Ausmaß ausgeprägt sind.

Bei Arbeitsschutzunterweisungen sind so viele Einflussfaktoren im Spiel, das der Wirkungsgrad in der betrieblichen Praxis sehr unterschiedlich ausfallen dürfte. Unzureichende Unterweisungen nehmen jedoch Einfluss auf die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten an ihrem Arbeitsplatz.


Organisierter Arbeitsschutz senkt Unfallzahlen


Insgesamt lässt sich feststellen: Je mehr sich ein Unternehmen für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit engagiert, desto häufiger werden Arbeitsschutzunterweisungen durchgeführt[2]. Belegbar ist, dass ein gut organisierter betrieblicher Arbeitsschutz die Zahl der Unfälle senken kann. Arbeitsschutzunterweisungen sind dabei notwendige Maßnahmen der betrieblichen Prävention.


Bedarf an flächendeckenden Unterweisungen


In der betrieblichen Praxis besteht auch mit Blick auf neue Anforderungen der Arbeit 4.0 an die Prävention ein hoher Bedarf an flächendeckender und wirksamer Unterweisung. Während die Rahmenbedingungen, wie Verantwortlichkeit, Anlässe, die Regelmäßigkeit sowie die Dokumentationspflicht gesetzlich verankert sind, ist die Form der Unterweisung vom Gesetzgeber weitgehend offen gelassen, um den Betrieben hier angemessenen Handlungsspielraum zu gewähren. Das Ergebnis der Unterweisung ist jedoch vorgegeben, denn sie soll wirksam sein. Damit sind die Handlungsspielräume nur scheinbar weit gefasst, was in der betrieblichen Praxis zu Unsicherheit führen kann. Welches Vorgehen ist zu nutzen und welche Rahmenbedingungen sind zu schaffen, damit Unterweisungen wirksam werden können? Auf diese Frage, die sich Praktikerinnen und Praktiker zu Recht stellen, möchte die gesetzliche Unfallversicherung antworten. Zum einen aufgrund der langjährigen praktischen Erfahrung mit Arbeitsschutzunterweisungen, zum anderen auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse aus angrenzenden Wissensgebieten.

In der Dissertation von Kati Masuhr Entwicklung eines Instruments zur Erfassung der Qualität von Arbeitsschutzunterweisungen wurde diese Frage im Auftrag der DGUV aufgegriffen[3]. Darin werden Erfolgsfaktoren, die für die Durchführung einer wirksamen Arbeitsschutzunterweisung unabhängig von Branchen und Themen von Bedeutung sind, wissenschaftlich fundiert hergeleitet. Dabei kommt es darauf an, wie eine Unterweisung durchgeführt wird, aber auch, wie sie im Unternehmen ihre Wirkung entfalten kann.


Faktoren für den Erfolg


Insgesamt wurden hierbei 18 Erfolgsfaktoren identifiziert. Diese betreffen zum einen die strukturellen Voraussetzungen, die darin bestehen, dass der gesetzliche Auftrag zur Durchführung von Unterweisungen erfüllt wird, aber auch die entsprechenden technisch-organisatorischen sowie sozialen Rahmenbedingungen im Unternehmen gegeben sind. Nicht zuletzt sollten die Unterweisenden über die entsprechenden Leistungsvoraussetzungen im Sinne von Wissen, Kenntnissen und Fertigkeiten verfügen.

Hinsichtlich der Durchführung von Arbeitsschutzunterweisungen ist es die inhaltlich-methodische Planung, die Steuerung und Strukturierung der Unterweisung als auch die Ermittlung von Lernerfolg und die Vorbereitung auf den Transfer des Gelernten in der Praxis, die als Gestaltungselemente wesentlich zur Wirksamkeit der Unterweisung beitragen.

Abschließend sollte die Betrachtung der Wirksamkeit stattfinden. Wichtig ist es dabei zu erfassen, wie die Unterwiesenen auf die Unterweisung reagieren, inwieweit ein Lernerfolg vorhanden ist und das Gelernte tatsächlich im Arbeitsalltag umgesetzt wird.

 



[1] Schlüter, A. (1998). Arbeitsschutzgesetz. Leitfaden für die Praxis. Wiesbaden: Universum.

[2] Zimolong, B. (1992). Sicherheitsmanagement: Der Zusammenhang zwischen Sicherheitsorganisation, Schulung und Sicherheitsstandards. In B. Zimolong. & R. Trimpop (Hrsg.), Psychologie der Arbeitssicherheit, 6. Workshop 1991 (S. 85-97). Heidelberg: Asanger.

[3] Masuhr, K. (2012). Entwicklung eines Instruments zur Erfassung der Qualität von Arbeitsschutzunterweisungen. Dissertation: Ruhr Universität Bochum.


Die Erfolgsfaktoren im Überblick

Die strukturellen Voraussetzungen werden beachtet:


1.Einhaltung der technisch-organisatorischen Bedingungen 

Die technischen und organisatorischen Voraussetzungen sollten für die Durchführung einer Arbeitsschutzunterweisung gegeben sein.


2.Beachtung der sozialen Bedingungen 

Dies sollte mit einer ausreichenden sozialen Unterstützung durch Vorgesetzte und Kollegen und Kolleginnen einhergehen.


3.Passung der Leistungsvoraussetzungen 

Die geforderten Kompetenzen und Fähigkeiten zur Durchführung von Arbeitsschutzunterweisungen sollen mit den beim Unterweisenden vorhanden übereinstimmen.


4.Erfüllung des gesetzlichen Unterweisungsauftrags 

Eine Unterweisung von guter Qualität muss die Gesetzesanforderungen erfüllen.


Im Prozess der Arbeitsschutzunterweisungen finden folgende Bestandteile Beachtung:


5.Analyse und inhaltliche Planung 

Auf der Grundlage der Analyse des Lernbedarfs findet die inhaltliche Ausgestaltung der Unterweisung statt.


6.Didaktisch-methodische Planung 

Die geeignete Art und Weise zur Vermittlung der abgeleiteten Inhalte ist zu planen.


7.Aufmerksamkeit wecken und Motivierung 

Um die Beschäftigten zu motivieren, kommt es vor allem auf das Engagement des Dozenten an. 


8.Information der Lernenden 

Lernziele und weitere Aspekte der Unterweisung, wie eine abschließende Überprüfung des Lernerfolgs, werden vermittelt.


9.Vorwissen aktivieren 

Passende Bezüge zur Arbeitstätigkeit und zu Erfahrungen der Beschäftigten bilden eine gute Basis für die Aufnahme neuer Inhalte.


10.Darstellung der Inhalte 

Die gewählten Methoden sollten auf das Vorwissen und die Fähigkeiten der Beschäftigten angepasst sein.


  Struktur 

  Die Unterweisung sollte einem roten Faden folgen, der für die Beschäftigten   von Anfang an nachvollziehbar ist.


 Steuerung

 Der Trainer oder die Trainerin steuert den Einsatz der gewählten Methoden  und die Beteiligung der Beschäftigten. 


 Verständlichkeit 

 Die Sprache der Unterweisung ist auf die Zielgruppe zugeschnitten.

 

  Anpassung

  Die methodische Vermittlung ist auf die Voraussetzungen der   Teilnehmenden abgestimmt.


11.Anleitung des Lernens 

Im Sinne der Didaktik leitet der Unterweisende zum Lernen an, indem die Lerninhalte, beispielsweise durch Üben, vertieft verarbeitet werden sollen. Die Interaktion mit den Teilnehmenden als auch soziale Aspekte wie ein kollegiales Klima während der Unterweisung fördern den Lernprozess.


12.Ausführen und Anwenden 

Die Anwendung des Gelernten innerhalb der Unterweisung ermöglicht Lernerfolge sichtbar machen und ermöglicht ein rechtzeitiges Nachsteuern. 


13.Lernzielkontrolle und Rückmeldung 

Die Frage, ob die Ziele der Unterweisung erreicht wurden, lässt sich durch Tests oder das Stellen von praktischen Aufgaben beantworten. Zum Abschluss der Unterweisung erhalten die Beschäftigten Hinweise über ihren aktuellen Lernstand.


14.Behalten und Transfer sichern 

Damit das Gelernte am Arbeitsplatz anwendbar wird, sollte der Transfer vorbereitet. Die Vorwegnahme von Hindernissen kann hierbei hilfreich sein.


15.Evaluation 

Nach Abschluss einer Unterweisung ist deren Wirksamkeit zu überprüfen.


Arbeitsschutzunterweisungen führen zu den erwünschten Ergebnissen:


16.Reaktionen 

Die Beschäftigten zeigen positive Reaktionen in Bezug auf die Unterweisung. Sie empfinden die Unterweisung als nützlich und sinnvoll.


17.Lernen 

Die Beschäftigten haben in der Arbeitsschutzunterweisung etwas gelernt. Dies kann sich über den Erwerb von Wissen, Handlungskompetenz aber auch die Veränderung von Einstellungen zeigen.


18.Transfer 

Die Beschäftigten fühlen sich in der Lage, dass Gelernte am Arbeitsplatz anzuwenden und werden angeregt sich eingehender mit Arbeitsschutz zu beschäftigen.



Autorinnen

Dr. Kati Masuhr

Evaluation & Qualitätsmanagement

E-Mail: evaluation-masuhr@gmx.de

 

Miriam Becker

Becker Kommunikation

E-Mail: miriam@becker-kommunikation.com


"Unterweisungen sind eine unverzichtbare Maßnahme"


Arbeitsschutzunterweisungen gehören bereits zur betrieblichen Praxis deutscher Unternehmen. An wen wendet sich der Report?

MASUHR: Längst nicht alle Beschäftigten sind tatsächlich über Gefährdungen und Schutzmaßnahmen bei ihrer Arbeit aufgeklärt worden laut Befragungen etwa die Hälfte. Gerade in kleinen und mittleren Unternehmen wird das Potenzial dieses Arbeitsschutzinstruments gar nicht oder nicht sehr wirksam genutzt. Die Verantwortlichen stehen vor der Frage, inwieweit ein Aufwand über den gesetzlich geforderten Unterweisungsauftrag hinaus betrieben werden muss und ob sich dieser lohnt. Der Report geht darauf ein, dass für eine wirksame Arbeitsschutzunterweisung mehr als nur die Erfüllung der Gesetzesvorgaben notwendig ist und leitet wissenschaftlich fundierte Erfolgsfaktoren her, die für die Gestaltung von Arbeitsschutzunterweisungen beachtet werden sollten. Wie eine Art Checkliste hilft ein Fragebogen, den wir ergänzend dazu erarbeitet haben, um die eigene betriebliche Praxis entsprechend der Erfolgsfaktoren zu entwickeln oder zu verbessern.


Dann ist der Report für alle lesenswert, die in Betrieben für den Arbeitsschutz verantwortlich sind?

Genau. Er richtet sich an Unternehmerinnen und Unternehmer sowie betriebliche Vorgesetzte, die in kleinen und mittelgroßen Betrieben ja oft selbst die Unterweisungen vornehmen. Und natürlich an alle Multiplikatoren wie Aufsichtspersonen der gesetzlichen Unfallversicherung und der Gewerbeaufsicht sowie Fachkräfte für Arbeitssicherheit und Betriebsärzte und -ärztinnen. Sie alle bekommen mit dem Report eine gute Argumentations- und Handlungshilfe an die Hand.


Was sind die Hauptargumente?

Erstens: Unterweisungen sind eine unverzichtbare Maßnahme, um Beschäftigte über ermittelte Gefährdungen aufzuklären, zu sensibilisieren und zu motivieren. Zweitens: Wir wissen, wie das Instrument zielführend eingesetzt werden kann. Und wir zeigen, dass es sich insgesamt positiv auf den Erfolg auswirkt, wenn sich Unternehmen mit den Belangen der Beschäftigten auseinandersetzen und sie dabei einbeziehen. Vor allem aber: Es lohnt sich!


 Das Interview führte Miriam Becker

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