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Auch in der Freizeit ein Problem!

Altes Kampagnenplakat des DVR
Foto: DVR

Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) wird im Juni 2019 50 Jahre alt. Dieses Jubiläum bietet Anlass, Schlaglichter auf die wichtigsten Erfahrungen der Vergangenheit zu werfen und Rückschlüsse für die Verkehrssicherheitsarbeit der Zukunft zu ziehen.


Von Prof. Dr. Walter Eichendorf


Verkehrssicherheitsarbeit lohnt sich

Erfolgreiche Verkehrssicherheitsarbeit ist eine stille Wohltäterin. Viele Menschen sitzen jetzt an ihrem Schreibtisch, mit ihrer Familie im Garten oder sind auf dem Weg zu Freunden. Menschen, die ohne erfolgreiche Verkehrssicherheitsarbeit bei einem Unfall schwer verletzt oder getötet worden wären. Wenn Wege sicher sind, fällt das meist gar nicht auf. Aber sie selbst, ihre Familien, Freunde, Arbeitgeber und auch die Volkswirtschaft profitieren unmittelbar davon.


Wer sich in der Verkehrssicherheitsarbeit haupt- oder ehrenamtlich engagiert, tut dies, weil sie oder er Leben retten und menschliches Leid verhindern will. Das sind ehrenwerte, sehr motivierende Ziele. Die Erfolgskontrolle ist dagegen nüchterne Statistik. Ist die Zahl der Getöteten und Verletzten im gleitenden Mittelwert der vergangenen Jahre mittelfristig und auf lange Sicht zurückgegangen? Leider sind diese Kennzahlen nur begrenzt eine Hilfe, wenn man überprüfen will, ob die Prioritäten richtig gesetzt sind und der Einsatz von Arbeitskraft und Finanzmitteln richtig gewählt. Auch schlichte Einflussgrößen wie das Wetter an Himmelfahrt und zufällige Schwankungen verhindern die einfache Einsicht, ob und welche Maßnahme der Verkehrssicherheit im vergangenen Jahr erfolgreich war. Stattdessen ist immer eine vertiefte Forschung und vor allem der mehrjährige Blick notwendig.


Betrachtet man die vergangenen 50 Jahre seit Gründung des DVR, wird die Erfolgsgeschichte der Verkehrssicherheitsarbeit aber auch an den schlichten Kennzahlen der Getöteten und Verletzten im Straßenverkehr sehr deutlich.


Die Gründung

Der DVR wurde gegründet, weil es ein massives Problem gab. Ende der 1960er-Jahre wurde in Deutschland jährlich die Bevölkerung einer ganzen Kleinstadt im Straßenverkehr getötet. Zwischen 1960 und 1970 hatte sich der Pkw-Bestand verdoppelt und die Mobilität der Bevölkerung enorm gesteigert. Im Jahr 1970 fand die Getötetenzahl mit 21.300 Menschen ihren katastrophalen Höhepunkt.

Der politische Handlungsdruck, diese kontinuierliche Katastrophe zu verhindern, lag auf der Hand. Der damalige Bundesverkehrsminister Georg Leber formulierte in seiner Gründungsansprache: „Wir haben keine Veranlassung, in Fatalismus zu verfallen und das Unheil im modernen Gewand der Motorisierung als Preis des Fortschritts zu akzeptieren.“ Dieser Anspruch hat bis heute nichts an Aktualität eingebüßt.


Auch der Ansatz, der damals gewählt wurde, hat sich als der richtige herausgestellt. Alle gesellschaftlichen Kräfte, die einen Beitrag zur Verkehrssicherheit leisten konnten, wurden gebündelt. Der DVR sollte, so haben es die Gründer damals festgehalten, als eine „Plattform für Gespräche unter Gleichberechtigten“ zu sehen sein. Weiter hieß es: „Das gemeinsame Ziel kann nur (...) durch eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit erreicht werden. Der DVR bietet dafür den organisatorischen Rahmen.“


85 Prozent weniger Getötete

Genau das hat den DVR über die fünf Jahrzehnte ausgezeichnet, seine politische und gesellschaftliche Reputation geformt und ihn letztlich erfolgreich gemacht. Jede Position des DVR entstammt einem fachlich geprägten Austauschprozess seiner Mitglieder. Was der DVR sagt, ist nicht nur fachlich belastbar, sondern bildet auch die Breite der zivilgesellschaftlichen und politischen Einstellungen und Interessen ab.


Vom Höchststand der Verkehrstoten mit mehr als 21.300 bis zum bisherigen Tiefststand von 3.180 Getöteten im Jahr 2017 war es ein weiter Weg und natürlich gab es immer wieder auch Rückschläge. Welchen Anteil der DVR an der Erfolgsgeschichte dieses Rückgangs um 85 Prozent hatte, lässt sich nicht präzise beziffern. Klar ist aber, dass er als Wegweiser und Wegbereiter einen unverzichtbaren Anteil hatte. Mit dem DVR und den Aktivitäten seiner Mitglieder, mit den gesellschaftlichen und technischen Fortschritten der vergangenen 50 Jahre ist es gelungen, die Wege der Menschen spürbar sicherer zu machen. Ihnen, ihren Familien, Kolleginnen und Kollegen und auch den Rettungskräften wurde schweres Leid erspart. Der enorme Rückgang der Opferzahlen zeigt, dass sich die Zahl der Verkehrsunfälle mit den richtigen Anstrengungen immer weiter senken lässt. Auf den Punkt gebracht: Die vergangenen 50 Jahre zeigen, dass sich Verkehrssicherheitsarbeit ohne jeden Zweifel lohnt.


Verhaltensweisen lassen sich ändern und eine Kultur der Sicherheit schaffen

Mit Kampagnen wie „Hallo Partner – danke schön“ hat der DVR dem Thema Verkehrssicherheit schon früh nach seiner Gründung eine positive Aufmerksamkeit in der Bevölkerung verschafft. Auch die „Schulweg-Hitparade“ des Sängers Rolf Zuckowski hat Generationen von Kindern Ohrwürmer über gut sichtbare Kleidung von Fußgängerinnen und Fußgängern oder das Verhalten an Zebrastreifen eingeimpft. Das ist Verkehrssicherheitsarbeit, die Spaß macht.


Doch auch die schonungslose Kommunikation der Risiken etwa des Rasens und Drängelns auf Autobahnen gehört zum Spektrum des DVR. Weinende Menschen, Todesanzeigen oder blutverschmierte Handys hat der DVR gemeinsam mit dem Bundesverkehrsministerium im Rahmen der großen Kampagne „Runter vom Gas“ gezeigt, die zu einem wesentlichen Teil von den Unfallkassen und Berufsgenossenschaften getragen wird.


Die Prävention über Aufklärungskampagnen war immer eine zentrale Säule der Verkehrssicherheit, auch wenn sich der Erfolg meist erst in der langfristigen Rückschau klar erkennen lässt. Riesig waren zunächst die Vorbehalte in der Bevölkerung gegen den Sicherheitsgurt – eine relativ einfache Innovation der Fahrzeugtechnik mit enormer Wirkung. Viele Menschen fühlten sich bevormundet, gefesselt, in ihrer Freiheit eingeschränkt.


Heute ist der Sicherheitsgurt zur Selbstverständlichkeit geworden. Das ist zu einem beträchtlichen Teil ein Verdienst der damaligen Kampagnen. Allerdings musste die positive Aufklärung mit einer bußgeldbewehrten Sanktion kombiniert werden, damit sich das Verhalten auch in den kleineren, aber etwas renitenten Teilen der Bevölkerung nachhaltig änderte.


Dies zeigt exemplarisch, dass gesellschaftliche Einstellungen und individuelle Verhaltensweisen veränderbar sind. Aber auch weitere Beispiele, wie die heutzutage viel stärkere soziale Ächtung von Trunkenheit am Steuer, belegen, dass mit langem Atem gravierende Veränderungen möglich sind und eine Kultur der Prävention geschaffen werden kann. Das gilt auch für die vielen zielgruppenspezifischen Programme, die der DVR mit seinen Partnerinnen und Partnern etwa für Seniorinnen und Senioren, Berufskraftfahrer und Berufskraftfahrerinnen und natürlich in der betrieblichen Verkehrssicherheitsarbeit durchführt. Die Ansprache vor Ort sowie die praktische Erfahrung in Seminaren und Trainings haben schließlich, das überrascht nicht, die größte Wirkung bei den Teilnehmenden.


Infrastruktur ist der Schlüssel …

Neben solchen auf das Verhalten abzielenden Präventionsmaßnahmen waren kontinuierliche sowie sprunghafte Entwicklungen in der Verkehrsinfrastruktur und der Fahrzeugtechnik nötig, um die Zahl der Verkehrsunfallopfer über die Jahrzehnte deutlich zu senken.


Sukzessive wurde in Deutschland der Standard in Planung und Erhalt der Straßenverkehrsinfrastruktur gesteigert. Hinter den Kulissen arbeiten versierte Fachleute ständig an der Erneuerung der entsprechenden Regelwerke. Der DVR hat sich in die fachlichen Diskussionen stets mit seinen Forderungen eingebracht und wirbt auf allen politischen Entscheidungsebenen für die Umsetzung der Vision Zero. Der Vorstandsbeschluss zu einer Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h auf engen Landstraßen soll hier nur ein Beispiel sein, wie der DVR die Strategie der Vision Zero mit Entschlossenheit verfolgt.


Nach der Wiedervereinigung wurde die Bedeutung eines guten Standards in der Infrastruktur besonders deutlich, als die beiden Verkehrssysteme spontan zusammenwuchsen und die stärker motorisierten westdeutschen Pkw auf den damals häufig maroden ostdeutschen Straßen neben anderen Faktoren für einen sichtbaren Knick in der Unfallstatistik sorgten.


… und technischer Fortschritt der Schrittmacher der Verkehrssicherheit

Noch viel deutlicher lassen sich die fahrzeugtechnischen Innovationen in der Unfallstatistik ablesen. Sicherheitsgurt, Airbag, ESP, ABS und weitere Innovationen haben sehr kurzfristig und sehr  eindrucksvoll Sicherheitsgewinne gebracht. Moderne Notbremsassistenten beweisen aktuell ihren direkten Nutzen für den Schutz von Menschenleben. So ist zum Beispiel die Kombination von Tempomat, Abstandsradar und Notbremsassistent unglaublich wirksam. Auch wenn der DVR diese Neuerungen nicht erfinden kann, hat er sie stets gefördert, bekannt gemacht und die Markteinführung beschleunigt. Der DVR versteht sich als Lobbyorganisation auch auf europäischer und internationaler Ebene und wirkt dort mit seinen Mitgliedern zusammen, wenn es heißt, sicherheitsrelevante Technik schneller auf die Straße zu bekommen.


Automatisierte Fahrfunktionen sowie die Vernetzung von Fahrzeugen untereinander und mit der Infrastruktur versprechen enormen Nutzen für die Verkehrssicherheit, wenn sie richtig ausgestaltet und eingesetzt werden. Gerade das richtige Zusammenspiel von Mensch und Technik ist eine Herausforderung. Heikel ist dabei etwa die Frage, wie bis zur Vollendung des autonomen Fahrens der Mensch die Überwachung der komplexen Systeme bewerkstelligen soll, die ihm eigentlich die Abwendung vom Fahrgeschehen ermöglichen. Aber völlig unstrittig leisten automatisierte Fahrfunktionen in vielen neueren Fahrzeugen bereits einen unverzichtbaren Dienst, um menschliche Fehler auszugleichen.

Nicht alle technologischen Innovationen bringen einen Sicherheitsgewinn. Ablenkung durch technische Geräte und ständige Erreichbarkeit sind eine gewaltige Gefahr für den Straßenverkehr, auf die der DVR seit Jahren sehr deutlich hinweist. Auch Elektrokleinstfahrzeuge, also E-Roller, Hoverboards und Ähnliches können ohne abgewogene Regelungen und sicherheitsorientierte Verhaltensweisen zu einer Gefahr auf den Gehwegen, Radwegen und Straßen werden.


Die Vergangenheit hat gezeigt, dass technische Innovationen als mächtige Schrittmacher der Verkehrssicherheit gewirkt haben. Gleichzeitig bedurfte die Anpassung des menschlichen Verhaltens an sich rasant entwickelnde Technik aber der sorgsamen Begleitung durch technische Regeln, Verhaltensregeln und Aufklärung. Hier wird der DVR auch weiter eine führende Rolle einnehmen müssen, um das Potenzial der Technik für den Schutz des Lebens bestmöglich auszunutzen.


Politische Veränderungen gelingen mit gebündelten Kräften und Beharrlichkeit

Das Ziel der Verkehrssicherheitsarbeit liegt auf der Hand. Es geht um den Schutz des Lebens, um die körperliche Unversehrtheit. Gut zehn Jahre nach der Einführung der Vision-Zero-Strategie durch den DVR ist es gelungen, dass die einzig akzeptable Zielmarke, null Verkehrstote, zum offiziellen Programm der Bundesregierung geworden ist, indem die die Regierung tragenden Parteien sich im März 2018 im Koalitionsvertrag auf die Vision Zero verpflichtet haben, beschrieben mit einer „mittelfristigen Senkung der Anzahl der Verkehrstoten auf null“. Dasselbe Ziel wird EU-weit angestrebt.


Die Vision Zero zeigt aber auch, dass Verkehrssicherheitsarbeit einen langen Atem braucht, um erfolgreich zu sein. Und sie zeigt, dass es gelingen kann, die politischen Weichen zu stellen, um die Zahl der Verkehrsunfallopfer immer weiter in Richtung null zu senken.


Der DVR hat dabei seine Rolle gefunden: als fachliche Plattform für die Verkehrssicherheitsarbeit, als Wegbereiter für gesellschaftliche Entwicklungen hin zur Vision Zero und als Stimme der   Verkehrssicherheit in Politik und Gesellschaft hinein. Es ist nun Auftrag und Verpflichtung des DVR, dieser Rolle weiter gerecht zu werden, sich und seine Mitglieder stark zu machen für die Vision Zero.

Leider gibt es aber auch unstrittig wichtige Maßnahmen, deren Umsetzung der DVR bisher nicht erreichen konnte. Eine spürbare Stärkung der Verkehrsüberwachung, eine flächendeckende Verbesserung der Sicherheit auf Landstraßen oder ein besserer Schutz der schwächeren Verkehrsteilnehmenden zu Fuß und mit dem Fahrrad innerorts sind Beispiele aus den zehn Top-Maßnahmen, für deren Umsetzung der DVR weiter auf die Entschlossenheit und Kraft seiner Mitgliedsorganisationen angewiesen ist.


Verkehrssicherheitsarbeit wird nicht einfacher werden

Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen, dass gesellschaftliche und technische Umbrüche die größten Gefahren für die Sicherheit der Menschen auf ihren Wegen dargestellt haben. Die Motorisierung und der Mobilitätszuwachs in den 1960er-Jahren sowie die ersten Jahre nach der Wiedervereinigung etwa haben die Straßen unsicher gemacht. Auch in kleineren Teilbereichen lässt sich das beobachten. So hat die sprunghafte Zunahme der Pedelecs einen hohen Tribut in der Unfallstatistik gefordert.


Daraus lässt sich ableiten, dass Umbrüche im Verkehrssystem vorsichtig zu gestalten sind, damit sich das Zusammenwirken aller Einflussgrößen, insbesondere das menschliche Verhalten, entsprechend anpassen kann.

Das Verkehrssystem steht aktuell vor vielfältigen Veränderungen, die im Sinne der Vision Zero gestaltet werden müssen: Weiter steigende Mobilität, Urbanisierung mit Nutzungskonflikten um die Verkehrsflächen, Steigerung des Radverkehrs, rasante Entwicklungen bei automatisierten Fahrfunktionen, Einführung elektrischer Antriebe mit hohem Beschleunigungsvermögen, Ausweitung von Car- und Bikesharing für Fahrerinnen und Fahrer von unbekannten Fahrzeugen, Verbreitung von Elektrokleinstfahrzeugen und weiteres mehr.


Eine besondere Herausforderung ist, dass diesen Veränderungen im Verkehrsgeschehen oftmals gesellschaftliche Wandlungsprozesse zugrunde liegen. Diese Veränderungen wird der DVR aber weiterhin erfolgreich begleiten können, indem er seine Stärken nutzt: das Engagement seiner Mitgliedsorganisationen und die fachlich sorgsam ausgearbeitete und gemeinsam vorgebrachte Position darüber, welche Schritte den Straßenverkehr zu einem wirklich sicheren System machen. Stets im Sinne der Vision Zero: „Keiner kommt um – alle kommen an!“

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