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Interview mit Dr. Edlyn Höller und Dr. Stefan Hussy

„Wir müssen aus der Sicht des Kunden denken“

Interview mit Dr. Edlyn Höller und Dr. Stefan Hussy
Foto: Jan Roehl/DGUV

Digitalisierung, Rehabilitation, Bildung ein Gespräch mit Dr. Stefan Hussy, neuer Hauptgeschäftsführer der DGUV, und Dr. Edlyn Höller, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin, über anstehende Aufgaben.


Das Interview führten Kathrin Baltscheit und Elke Biesel, DGUV.


Herr Dr. Hussy, Sie haben zum 1. Juli 2019 die Position des Hauptgeschäftsführers der DGUV übernommen. Sie, Frau Dr. Höller, sind seit Kurzem stellvertretende Hauptgeschäftsführerin. Welche Erwartungen verknüpfen Sie mit Ihrer neuen Aufgabe?

HUSSY: Für mich stellt sich die Frage umgekehrt: Welche Erwartungen haben andere an mich? Das ist spannend und das werde ich zunächst versuchen, herauszufinden. Ich komme von einem Träger, das ist ein Perspektivenwechsel. Bislang habe ich die DGUV als diejenige wahrgenommen, die mir eine Dienstleistung erbringen sollte. Mit dem Ergebnis war ich meistens mehr, aber auch mal weniger zufrieden. Genau mit dieser Kenntnis kann ich jetzt überlegen, was hätte ich damals vorgeschlagen, damit die DGUV es besser macht? Ich werde jetzt mit den Unfallversicherungsträgern aus einer anderen Rolle heraus kommunizieren und natürlich auch mit den Beschäftigten der DGUV. Denn sie haben die Kompetenz und die Ideen. Ich möchte mir von vielen Dingen erst einmal ein Bild machen.

HÖLLER: Ich kenne zwar das Verbandsleben, aber auch ich stelle mir jetzt noch stärker die Frage, was sind tatsächlich die Erwartungen der Träger an die DGUV, vielleicht auch an den Führungswechsel. Was soll sich verändern? Bei dem einen oder anderen Träger habe ich schon einen Antrittsbesuch gemacht und die Themen, die angesprochen wurden, waren höchst unterschiedlich. Von politischen Fragen bis zu alltäglichen Dingen, wie der Informationsweitergabe per Rundschreiben. Ein bunter Strauß von Wünschen, die wir in Zukunft angehen müssen.


Kommen wir gleich zu dem Zukunftsthema schlechthin, die Digitalisierung. Welche Aufgaben müssen der Verband und die Unfallversicherung insgesamt in den nächsten Jahren angehen?

HUSSY: Da gibt es verschiedene Perspektiven. Die eine ist: Die DGUV und die Unfallversicherungsträger haben Kundinnen und Kunden. Die erwarten einfach, dass wir mit ihnen in einer anderen Art und Weise kommunizieren. Das betrifft Medien und Informationen, aber auch den konkreten Prozess beim Umgang mit der Unfallanzeige, die ein Unternehmen, oder der Taxi-Rechnung, die eine versicherte Person einreichen will. Viele sind es gewohnt, dies über eine App an die Versicherung zu schicken, so etwas haben wir noch nicht. Wir müssen mehr aus der Sicht des Kunden denken. Was erwartet er von uns, was müssen wir dafür tun?

Die andere Perspektive sind unsere eigenen Prozesse. Sind die noch zeitgemäß? Wir müssen möglicherweise in großen Bereichen über die Dunkelverarbeitung, das heißt automatisierte Prozessabläufe, nachdenken. Die Unfallversicherungsträger werden davon stark betroffen sein. Arbeitsschritte, die jetzt noch von Menschen gemacht werden, werden in Zukunft weniger Menschen benötigen. Da stellt sich dann schon die Frage, wie wir uns darauf einstellen können. Das gilt im Übrigen auch für die DGUV, die in großen Bereichen IT-Dienstleistungen für die Träger erbringt. Hinzu kommt das Thema Kommunikation mit den Leistungserbringern. Ganz wichtig beim Thema Digitalisierung: Wie qualifizieren wir unsere eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so, dass sie den Herausforderungen für die Zukunft gerecht werden können und dass sie sich dabei auch wohlfühlen?

HÖLLER: Um da direkt anzuschließen, man sollte jetzt aber keine Ängste schüren. Auf der einen Seite werden sachbearbeitende Tätigkeiten wegfallen, aber auf der anderen Seite gibt es viele Bereiche, in denen die Qualitäten und Qualifikationen der Beschäftigten umso mehr gefordert sind und die nicht digitalisiert werden können. Dazu gehören insbesondere die persönliche Ansprache und Beratung der Versicherten und die Beratung in den Unternehmen. Ein anderes Thema ist die Digitalisierung im Bereich der Rehabilitation. Da sind wir nicht wie beim Online-Zugangsgesetz die Getriebenen. Mit DALE-UV waren wir Vorreiter. Die Ansprüche an den Datenaustausch mit den Leistungserbringern haben sich aber verändert und wir müssen ihn weiterentwickeln. Hier setzen wir mit dem IHE (Integrating the Healthcare Enterprise) auf einen neuen zukunftsweisenden Standard.

HUSSY: Ich möchte da noch einmal einhaken. Wir müssen unsere Prozesse in der Unfallversicherung natürlich auch harmonisieren und uns darauf verständigen, wie wir etwas tun. Wir tun ja alle das Gleiche und doch tut es jeder Träger etwas anders. Das fängt ganz banal damit an, dass wir uns über gemeinsame Datenbankstrukturen einigen müssen. Wie kann ich sonst Daten austauschen und übertragen, wenn wir noch nicht einmal Name und Vorname in der gleichen Art und Weise abspeichern? Da sollten wir ganz schnell zu einer Einigung kommen. Wir dürfen auch nicht vergessen, die Unternehmernummer wird schneller kommen, als manche von uns das denken.

Ein weiterer Aspekt bei der Digitalisierung, der uns vor eine Herausforderung stellt, heißt Prävention. Wie reagieren wir auf eine sich ­verändernde Welt? Stichwort: Mobilität der Arbeit. Wir sind zwar über die Risikobeobachtungsstelle im Bereich Technik sehr gut aufgestellt, sprich kollaborierende Roboter, intelligente Brillen, Exoskelette. Aber wie erreiche ich Menschen, die heute hier sind und morgen da? Wie kann ich sie informieren und falls erforderlich auch etwas durchsetzen, damit sie vernünftige Arbeitsbedingungen haben?

HÖLLER: Ein gutes Beispiel für neue Arbeitsformen ist die Plattform-Ökonomie. Nehmen wir den Fahrradkurier, der per App seine Aufträge erhält und niemand kümmert sich darum, ob sein Fahrrad verkehrssicher ist oder nicht. Oder das Phänomen, dass Gruppen von Solo-Selbstständigen gemeinsam Baugerüste aufstellen. Sind das Personen, die wir in den Versicherungsschutz einbeziehen sollten, oder überlassen wir sie sich selbst? Das ist eine große Diskussion, die aktuell auf der Ebene der Selbstverwaltung der DGUV geführt wird.


Hätte der Kurier einen Unfall, käme er vielleicht in eine BG Klinik. Der Klinikverbund, wurde 2016 mit dem Ziel gegründet die BG Kliniken besser aufzustellen in einem härter werdenden Klinikmarkt. Ist das gelungen?

HUSSY: Ich möchte ein positives Fazit ziehen. Der Klinikverbund hat vor allem eines geschaffen: Transparenz, und das war lange überfällig. Er hat die einzelnen Vereine erst einmal zusammengeführt. Man weiß jetzt, wo man Stärken hat und woran man vielleicht noch arbeiten muss, um besser zu werden. Und er hat die Bereiche herausgearbeitet, in denen wirklicher Handlungsbedarf besteht. Wobei man nicht vergessen darf, die BG Kliniken versorgen nur 20 bis 25 Prozent aller stationär Behandelten der Unfallversicherung. Wir müssen uns auch für die anderen Patientinnen und Patienten in den SAV-Kliniken Gedanken machen.

HÖLLER: Wir haben knapp 100 SAV-Kliniken. Schon aufgrund der räumlichen Verteilung können wir ja nicht alle Versicherten in BG Kliniken unterbringen. Also müssen wir auch insgesamt eine gute Struktur haben. Es ist auch eine Aufgabe und Ansporn für die BG Kliniken, zu zeigen, wo sie ihre Stärken gegenüber den SAV-Kliniken haben. Hier kommt unter anderem die Verbindung zur Rehabilitation ins Spiel, das ist ein Alleinstellungsmerkmal der BG Kliniken.

HUSSY: Die integrierte Rehabilitation ist neben der Akutversorgung auf Spitzenniveau der Markenkern der BG Kliniken.

HÖLLER: Ja, aber der Bedarf wird immer wieder infrage gestellt. Aktuell fordert das Bundesversicherungsamt, den Bedarf an BG Kliniken durch ein Gutachten untersuchen zu lassen. Es gibt zudem Entwicklungen im allgemeinen Krankenhausbereich durch einen Beschluss des gemeinsamen Bundesausschusses, die Notfallversorgung in einem Drei-Stufen-System neu zu strukturieren. Auch diesen Herausforderungen müssen sich die Kliniken stellen. Aber ich bin überzeugt, dass sie sie meistern werden.


Die gesetzliche Unfallversicherung engagiert sich seit Jahren in vielfältiger Weise für den Behindertensport. Bleibt dieses Engagement? Was ist Ihnen dabei wichtig?

HÖLLER: Häufig liegt der Fokus sehr stark auf dem Thema paralympischer Sport und Spitzensport. Wir machen das aber nicht, um Menschen mit Medaillen zu zeigen, sondern weil der Sport ein Vehikel ist, um das Thema Rehabilitation auch in die Breite zu tragen. Es gibt sehr viele Untersuchungen, die belegen, wie wichtig Sport in der Rehabilitation ist. Er trainiert nicht nur auf spielerische Weise Bewegungsabläufe, sondern fördert auch die Gemeinschaft. So hilft Sport auch bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Unser Engagement im Bereich Behindertensport dient vor allem dazu, die Aufmerksamkeit für dieses Thema zu erhöhen.


In diesem Zusammenhang wurde vor Kurzem von der gesetzlichen Unfallversicherung ein neues Strategiepapier zur Inklusion veröffentlicht. Ein Punkt ist dabei die stärkere Verzahnung von Reha und Prävention. Warum ist das so wichtig?

HÖLLER: Beim Stichwort Zusammenarbeit der beiden Bereiche fallen mir zunächst andere Arbeitsfelder ein. Das ist insbesondere der Bereich der Individualprävention. Da gibt es sehr gute Präventionsinstrumente zum Beispiel mit dem Hautarztverfahren oder mit dem Rückenkolleg der BGW. Diese Dinge müssen wir noch sehr viel stärker ausbauen. Auch die Selbstverwaltung mit der Initiative zur Weiterentwicklung des Berufskrankheitenrechts hat sich dazu bekannt, den Bereich der Prävention noch stärker auszubauen.

Dann sehe ich noch Potenzial darin, ­Erkenntnisse, die in einem Bereich gewonnen werden, auch für den anderen Bereich zu nutzen. Stellt eine Reha-Managerin bei der Wiedereingliederung eines Patienten fest, dass die Arbeitsverhältnisse im Betrieb auch für andere Beschäftigte belastend sind, dann ist das ein Ansatzpunkt, dem Präventionsdienst einen Tipp zu geben. Das funktioniert auch umgekehrt. Diese Verzahnung ist, glaube ich, eine große Chance für beide Bereiche.

HUSSY: Also wir haben in dem Kontext auch eine Änderung des Rollenbildes unserer Akteure vor Ort zu begleiten. Als einen Schwerpunkt möchte ich die Änderung des Beratungsverständnisses der Aufsichtspersonen nennen. Hier geht es auch darum, zu überlegen, wie kann ich mit den Kolleginnen und Kollegen im Bereich Reha agieren, eventuell aber auch mit anderen Sozialversicherungsträgern? Wie kann ich ein Unternehmen dazu befähigen, dass dort Menschen mit Behinderung leichter arbeiten, und eben für das Unternehmen die Ansprechperson sein, die zwar nicht immer gleich die Lösung hat, die aber weiß, es gibt die Kollegin oder den Kollegen, die Reha-Beraterin oder den Reha-Berater oder es gibt das Integrationsamt. Wir wollen uns diese Position ganz klar erarbeiten: im Unternehmen die Ansprechperson sein für alle Fragen zum Thema Sicherheit und Gesundheit. Und dazu gehören auch Inklusion und Integration.


Also so eine Art Lotsenfunktion.

HUSSY: Ja genau, der Lotse trifft das ganz gut.


Kommen wir zur Prävention. Im Rahmen der Vision Zero wurden gerade fünf Unfallschwerpunkte ermittelt. Was für eine Strategie haben Sie dazu?

HUSSY: Die Vision Zero ist im Positionspapier zur Prävention formuliert worden: Wir streben eine Welt ohne tödliche oder schwere Unfälle an. Die Kampagne kommmitmensch zur Kultur der Prävention ist ein Instrument, mit dem wir das umsetzen. Die Kampagne greift diese Unfallschwerpunkte auf und unterfüttert sie mit ihren sechs Handlungsfeldern. Durch die Fokussierung auf die Unfallschwerpunkte hat die Aufsichtsperson im Betrieb ganz konkret die Möglichkeit, Themen anzusprechen und diese auch im betrieblichen Kontext zu vermitteln. Das ist der Unterschied zum bisherigen Ansatz, wo wir doch eher abstrakt versucht haben, diese Themen zu kommunizieren.


Die Umsteuerung der Kampagne hat zunächst für Unruhe gesorgt.

HUSSY: Erst einmal muss man anerkennen, wenn jemand mutig genug ist, eine Analyse zu machen und auch Konsequenzen daraus zu ziehen. Das bedeutet auch die Bereitschaft, sich zu hinterfragen. Jetzt bieten wir unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Betrieben einen guten Ansatz an, Unternehmen auf die Präventionskultur anzusprechen.

Bleiben wir noch bei der Kampagne Stichwort Schulsport. Herr Dr. Hussy, Sie waren selbst bei einer Unfallkasse tätig und kennen auch den Bildungsbereich gut. Zusammen mit der Kultusministerkonferenz hat die Unfallversicherung die Initiative Sicherheit im und durch Schulsport (SuGiS) gestartet. Worum geht es dabei?

HUSSY: Wir haben über lange Zeit feststellt, dass der Unfallschwerpunkt in der Schule zwar im Schulsport liegt, dass wir aber den Pausenbereich oder auch die Ganztagsbetreuung nicht vergessen dürfen. Auch dort gibt es Bewegung, auch dort passieren Unfälle. Bewegung ist andererseits ganz wichtig für das Vermitteln von Kompetenzen. Es ist erwiesen, dass Menschen besser lernen, wenn sie sich bewegen können und nicht den ganzen Tag sitzen. Wie kann man in die Planung und Gestaltung des Unterrichts frühzeitig Ansätze der Kampagne integrieren? Wir werden die Module, die die Kampagne kommmitmensch bereitstellt, an den Bereich Schule anpassen. Gemeinsam mit dem Kultusministerium, mit den Ländern wollen wir schon ganz früh versuchen, diese Module in die Lehrpläne, in die Lehrerausbildung, in die Gestaltung des Unterrichts einzubringen.


Apropos: Gerade wurde der Digitalpakt Schule verabschiedet. Sind die Themen Sicherheit und Gesundheit beim Umgang mit mobilen Geräten im Bildungsbereich schon ausreichend berücksichtigt?

HUSSY: Ich will es mal vorsichtig formulieren: Da haben wir noch Luft nach oben. Eine Herausforderung, vor der wir als Unfallversicherungsträger stehen: Es ändert sich nicht nur die Arbeits-, sondern auch die Lernwelt. Da müssen und werden wir auch Hinweise, Unterstützung und Beratung geben. Es ist nicht ausreichend, zu sagen: Hier habt Ihr ein Tablet und ein Whiteboard, viel Spaß. So, wie wir ergonomische Anforderungen an Software stellen, so werden wir uns künftig auch bei der Gestaltung von Lernmodulen einbringen.


Da wären wir bei dem Ansatz der Lebenswelten im Präventionsgesetz: möglichst früh mit der Sensibilisierung für Sicherheit und Gesundheit beginnen.

HUSSY: Genau. Aber welcher 14-Jährige möchte etwas von Prävention hören? Das ist eine Frage der richtigen Vermittlung. Ich glaube, die Aufmerksamkeitsspanne der Jugendlichen heute ist zudem eine andere geworden. Vielleicht kann man versuchen, das über spielerische Ansätze zu lösen. Da können wir auch von der Schule für uns selbst etwas lernen.

HÖLLER: Ja, wir nutzen zum Beispiel den Spieltrieb in der Rehabilitation. Wir fördern gerade ein Forschungsprojekt, in dem die Hand-Reha so gestaltet wird, dass Menschen einen Handschuh bekommen, der mit Sensoren ausgestattet ist. Damit können sie dann ein Computerspiel machen. Dadurch werden ihre Finger subkutan bewegt und trainiert.

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